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Jeden Schüler dort abholen, wo er steht – aber wie soll das funktionieren?
Individuelle Förderung ist ein hehres pädagogisches Ziel. Doch zwischen Anspruch und Unterrichtsrealität liegt häufig eine kaum überbrückbare Kluft.
„Wir müssen jeden Schüler dort abholen, wo er steht.“ Diesen Satz hört man in der Pädagogik immer wieder. Er klingt einleuchtend, vernünftig und selbstverständlich. Natürlich soll niemand überfordert werden. Natürlich sollen Lernschwierigkeiten erkannt und berücksichtigt werden. Und selbstverständlich sollten auch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler entsprechend gefördert werden.
Aber wie funktioniert das in der Praxis? Wer eine Klasse angehender Medizinischer Fachangestellter unterrichtet, erlebt täglich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen, Fähigkeiten und die Lernbereitschaft der einzelnen Schülerinnen und Schüler sind. Da sitzen junge Menschen, die aufmerksam zuhören, mitdenken, Fragen stellen und neue Zusammenhänge innerhalb kürzester Zeit begreifen. Kaum hat man einen Sachverhalt erklärt, melden sie sich bereits mit der richtigen Antwort.
Daneben sitzen Schülerinnen und Schüler, die sich ernsthaft bemühen, den Stoff aber nicht auf Anhieb verstehen. Sie benötigen zusätzliche Erklärungen, anschauliche Beispiele und mehr Zeit. Wieder andere verfügen über erhebliche Lücken im Grundlagenwissen oder haben sprachliche Schwierigkeiten. Auch sie brauchen Unterstützung. Und schließlich gibt es diejenigen, die dem Unterricht kaum folgen. Sie sind gedanklich abwesend, beschäftigen sich mit anderen Dingen oder haben schlicht kein Interesse am Thema.
Vier völlig unterschiedliche Ausgangssituationen in ein und derselben Unterrichtsstunde. Wem soll man zuerst gerecht werden?
Erkläre ich einen Sachverhalt mehrfach, damit auch die Schwächeren ihn verstehen, langweilen sich möglicherweise diejenigen, die ihn längst begriffen haben. Gehe ich dagegen zügig weiter, verliere ich einen Teil der Klasse.
Wende ich mich intensiv einem einzelnen Schüler zu, kann ich mich in dieser Zeit nicht gleichzeitig um die übrigen kümmern. Und wie erkenne ich überhaupt zuverlässig, wer etwas verstanden hat?
Diejenigen, die sich regelmäßig melden, geben zumindest eine Rückmeldung. Aber was ist mit den Stillen? Manche hören aufmerksam zu und verstehen alles, ohne sich jemals zu melden. Andere verstehen wenig, trauen sich aber nicht zu fragen. Wieder andere hören überhaupt nicht zu.
Als Lehrkraft kann ich nicht in die Köpfe meiner Schülerinnen und Schüler schauen. Ich kann Fragen stellen, Aufgaben verteilen und Lernfortschritte überprüfen. Aber ich kann nicht permanent kontrollieren, ob jeder Einzelne gedanklich beim Unterricht ist. Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Nicht jedes Lernproblem ist ein Verständnisproblem.
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand etwas trotz ernsthafter Bemühungen nicht versteht oder ob er sich gar nicht erst mit dem Unterrichtsstoff beschäftigt. Im ersten Fall muss ich anders erklären und unterstützen. Im zweiten Fall fehlt zunächst die Bereitschaft, sich überhaupt auf das Lernen einzulassen. Auch diese Unterscheidung ist im laufenden Unterricht keineswegs immer einfach.
Hinzu kommt, dass wir nicht unbegrenzt Zeit haben. Wir müssen den vorgegebenen Lehrplan erfüllen und sämtliche prüfungsrelevanten Inhalte vermitteln. Am Ende steht für alle Auszubildenden dieselbe Abschlussprüfung, mit denselben Anforderungen und demselben fachlichen Niveau. So individuell der Weg zum Lernziel auch gestaltet werden soll, das Ziel selbst ist für alle gleich. Wie aber soll man das Unterrichtstempo dauerhaft an die unterschiedlichen Fähigkeiten der Einzelnen anpassen, wenn am Ende alle zur gleichen Zeit dieselben Anforderungen erfüllen müssen?
Das unterstreicht einen entscheidenden Widerspruch: Der Unterricht soll möglichst individuell sein, das Prüfungsergebnis muss aber einheitlichen Standards genügen.
Individuelle Förderung braucht Zeit – und die ist begrenzt
In pädagogischen Konzepten werden zahlreiche Methoden empfohlen: Binnendifferenzierung, individualisierte Aufgaben, selbstgesteuertes Lernen, unterschiedliche Lernmaterialien, Partner- und Gruppenarbeit.
Das alles kann sinnvoll sein. Aber jede dieser Methoden hat Voraussetzungen und Grenzen. Differenzierte Aufgaben müssen vorbereitet, erklärt, betreut und anschließend kontrolliert werden. Unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten erfordern unterschiedliche Arbeitsaufträge. Während einige bereits fertig sind, haben andere noch nicht einmal die erste Aufgabe gelöst. Dann hört man häufig den gut gemeinten Ratschlag: „Dann geben Sie den Schnelleren doch einfach zusätzliche Aufgaben!“ Aber ist das wirklich eine Lösung? Wer schnell und konzentriert arbeitet, wird gewissermaßen mit noch mehr Arbeit belohnt. Warum sollte sich ein Schüler besonders anstrengen, wenn er dafür lediglich zusätzliche Aufgaben erhält? Gleichzeitig sehen die Langsameren, wie weit die anderen bereits sind. Das kann Frustration, Neid und das Gefühl auslösen, nicht mithalten zu können.
So entsteht möglicherweise genau das Gegenteil dessen, was individuelle Förderung eigentlich erreichen soll: Die Leistungsstarken empfinden zusätzliche Aufgaben als Bestrafung für ihre Leistungsfähigkeit, während sich die Schwächeren zunehmend unter Druck gesetzt fühlen.
Mehr Aufgaben sind eben nicht automatisch mehr Förderung. Und unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten lassen sich nicht einfach dadurch ausgleichen, dass die einen immer mehr und die anderen immer weniger bearbeiten.
Selbstständiges Lernen setzt zudem voraus, dass die Lernenden über ein gewisses Maß an Selbstorganisation, Konzentrationsfähigkeit und Eigenverantwortung verfügen. Gerade diese Fähigkeiten sind jedoch keineswegs bei allen vorhanden. Was in einer pädagogischen Fortbildung auf einer Präsentationsfolie überzeugend aussieht, gestaltet sich im Klassenraum häufig erheblich schwieriger. Denn während ich einem Schüler etwas erkläre, stellt ein anderer eine Frage, zwei weitere sind bereits fertig, und irgendwo im Raum hat jemand den Anschluss verloren. Eine Lehrkraft kann ihre Aufmerksamkeit nicht beliebig vervielfachen.
Auch die Leistungsstarken haben Anspruch auf Förderung
In der Diskussion um individuelle Förderung geht es häufig um Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Was geschieht mit denjenigen, die schnell lernen, interessiert sind und mehr wissen möchten? Auch sie haben ein Recht auf anspruchsvollen Unterricht. Auch sie sollen gefordert werden, neue Zusammenhänge erkennen und ihre Fähigkeiten weiterentwickeln können.
Wenn sich das Unterrichtstempo dauerhaft am langsamsten Teil der Klasse orientiert, besteht die Gefahr, dass gerade die Motivierten ihre Freude am Lernen verlieren. Es kann nicht die Lösung sein, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ständig warten zu lassen oder sie lediglich mit zusätzlichen Aufgaben zu beschäftigen, damit die anderen aufholen können. Individuelle Förderung muss in beide Richtungen funktionieren. Genau das macht sie so anspruchsvoll.
Berufsschule ist keine Einzelbetreuung
In der dualen Ausbildung kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Wir unterrichten nicht nur, um Wissen zu vermitteln, sondern um junge Menschen auf einen verantwortungsvollen Beruf vorzubereiten.
Medizinische Fachangestellte müssen später medizinische Zusammenhänge verstehen, sorgfältig arbeiten, Verantwortung übernehmen und eigenständig Entscheidungen innerhalb ihres Kompetenzbereichs treffen können.
Dazu gehören nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern auch Konzentration, Zuverlässigkeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich neue Inhalte selbstständig zu erarbeiten. Natürlich muss Schule fördern und unterstützen. Aber sie kann den Lernenden nicht jede Anstrengung abnehmen.
Lernen ist keine Dienstleistung, die ausschließlich von der Lehrkraft erbracht wird. Es ist ein gemeinsamer Prozess, bei dem auch die Lernenden Verantwortung tragen.
Wer sich dauerhaft nicht beteiligt, nicht zuhört oder Aufgaben nicht bearbeitet, kann nicht erwarten, dass sämtliche Versäumnisse durch immer neue individuelle Erklärungen ausgeglichen werden.
Zwischen pädagogischem Ideal und Wirklichkeit
Ich halte individuelle Förderung grundsätzlich für richtig. Aber ich wünsche mir eine ehrlichere Diskussion darüber, was unter den tatsächlichen Bedingungen des Schulalltags überhaupt geleistet werden kann.
Es reicht nicht, Lehrkräften immer neue pädagogische Konzepte und Empfehlungen an die Hand zu geben, ohne gleichzeitig die Voraussetzungen für deren Umsetzung zu schaffen.
Wer individuelle Förderung ernst meint, muss auch über Klassengrößen, Unterrichtszeit, personelle Unterstützung, unterschiedliche Lernvoraussetzungen und die Verantwortung der Lernenden sprechen. Kleinere Lerngruppen, zusätzliche Förderangebote und mehr Zeit für persönliche Rückmeldungen könnten tatsächlich helfen. Ebenso wichtig wären verbindliche Anforderungen an Mitarbeit und Lernbereitschaft. Nicht jede Schwierigkeit lässt sich durch eine neue Unterrichtsmethode lösen. Und nicht jedes pädagogische Ziel wird allein dadurch erreichbar, dass man es zur verbindlichen Vorgabe erklärt.
Nach vielen Jahren Unterrichtserfahrung weiß ich: Es gibt keine Methode, mit der man jederzeit allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen gerecht werden kann. Unterricht bedeutet zwangsläufig, Prioritäten zu setzen, Kompromisse einzugehen und gelegentlich auch hinzunehmen, dass nicht jeder im gleichen Tempo vorankommt.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, den Eindruck zu erwecken, guter Unterricht müsse jederzeit jedem Einzelnen vollständig gerecht werden.
„Jeden dort abholen, wo er steht“ ist ein gutes Leitbild. Aber wer das fordert, muss auch erklären, wie eine einzelne Lehrkraft gleichzeitig 20 oder 30 Schülerinnen und Schüler an 20 oder 30 unterschiedlichen Ausgangspunkten abholen soll.
Und vor allem sollten wir eine Frage nicht vergessen:
Ist es wirklich allein Aufgabe der Lehrkraft, jeden Schüler abzuholen oder gehört zum Erwachsenwerden nicht auch, dass sich die Lernenden selbst auf den Weg machen?
Autorin: Dr. med. Helga Eitzenberger-Wollring
Hier der Artikel als pdf-Datei: -> Jeden Schüler dort abholen wo er gerade steht
Dieser Beitrag basiert auf eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Überlegungen. Die sprachliche Ausarbeitung erfolgte mit Unterstützung künstlicher Intelligenz (ChatGPT). Die inhaltliche und redaktionelle Verantwortung liegt bei der Autorin.
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